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„Du wirst sowieso keine Krankenschwester!“

Ute Uhl und Renate Meyer haben sich ein halbes Jahrhundert lang um Patienten gekümmert – sie würden es wieder tun

Dinkelsbühl
Ute Uhl (links) und Renate Meyer (rechts) waren als Krankenschwestern 50 Jahre lang in der Klinik Dinkelsbühl für ihre Patienten da. Dafür hat sich Pflegedirektorin Sandra Henneck herzlich von ihnen verabschiedet.

Als Kind lag Renate Meyer wegen eines Rückenleidens fünf Wochen lang im Krankenhaus. Diese Zeit hat sie geprägt. Bei der Entlassung sagte sie den Pflegekräften: „Ich werde auch Krankenschwester – aber nicht so eine wie Ihr!“ Darauf erwiderte die Stationsleiterin: „Mit Deinem schwachen Kreuz wirst Du sowieso keine Krankenschwester...“ Die Dame hat sich geirrt: Denn Meyer ist sehr wohl Krankenschwester geworden. Und sie hat ein halbes Jahrhundert mit Liebe, Freude und Engagement verletzten und erkrankten Menschen geholfen. Ende Dezember 2025 hatte die 66-Jähige ihren letzten Arbeitstag in der ANregiomed-Klinik Dinkelsbühl. Ihre ein Jahr ältere Kollegin Ute Uhl ist drei Monate vor ihr in Rente gegangen, nach 50 Jahren im OP-Pflegedienst im Krankenhaus in Dinkelsbühl. 

Die Kolleginnen haben nach ihren Realschulabschlüssen zunächst ein Jahr lang als Hausangestellte im Krankenhaus bzw. in einem Privathaushalt arbeiten müssen, bevor sie im damaligen Mindestalter von 17 Jahren ihren Traumberuf erlernen durften: Krankenschwester. Menschen mit Krebserkrankungen, Herzinfarkt-Patienten, Unfallopfer mit schweren Verletzungen – die beiden haben jeden versorgt und vielen wieder zurück ins normale Leben geholfen. „Wir hatten erheblich mehr Verantwortung damals als die heutigen Auszubildenden. Im zweiten Ausbildungsjahr war ich in der Nachtschicht auf Station allein“, erzählt Meyer. „Bei Herzinfarktpatienten und bei versuchtem Suizid musste ich die ganze Nacht Sitzwache halten“, bestätigt Uhl. Beide waren sich für nichts zu schade, auch nicht fürs Bettenwaschen, was heute Hilfskräfte übernehmen. Dass sie schon während der Ausbildung Patienten reanimieren mussten, schildern sie, als sei es eine Kleinigkeit, einen Menschen am Leben zu halten. 

Kleine Kinder mussten drei Monate lang im Beckengips liegen

„Als gerade kein Anästhesist da war, musste ich im Kreissaal Notfallnarkosen geben – unter Anleitung des Gynäkologen“, erinnert sich Meyer: „Einmal musste ein neugeborener Junge mit einer angeborenen Fehlbildung und Atemproblemen nach Fürth verlegt werden. Ich habe ihn die ganze Zeit über im Rettungswagen mechanisch beatmet. Das war seine einzige Chance. Wir haben es geschafft. Aber er ist dann trotzdem in Fürth verstorben.“ Umgekehrt sei es immer schön gewesen, wenn sie gesehen haben, dass es mit Patienten, die schwer krank oder verletzt gewesen waren, aufwärts ging. 

„Wir haben alles gemacht, was zu tun war, außer operieren. Wir konnten Krankenhaus. Dabei wussten wir immer: Die Doktoren hätten jederzeit hinter uns gestanden, wenn etwas schiefgelaufen wäre“, so Uhl. Die Pflege-Jubilarinnen haben es nach eigenen Worten als eine Anerkennung seitens der leitenden Ärzte verstanden, das ganze Spektrum der Kranken- bzw. OP-Pflege und noch etwas mehr umsetzen zu dürfen. Denn nicht jedem sei so etwas zugetraut worden. 

Die Medizin hat in fünf Jahrzehnten riesige Fortschritte gemacht. „Ich erinnere mich an kleine Kinder, die wegen Oberschenkelbrüchen zwei bis drei Monate lang im Beckengips lagen. Das war schrecklich“, berichtet Uhl, die später mehr als 40 Jahre lang vor allem Chirurgen bei ihren Operationen zur Hand ging. Heute werden Patienten nach Operationen sofort mobilisiert und möglichst schnell aus der Klinik entlassen.

In Krankenzimmern wurde geraucht, die Hausangestellten brachten Vollbier, Export und Pils

In den 1970er Jahren gab es ein Zimmer mit sieben Betten in Dinkelsbühl: das Zimmer 123 auf der Männerstation. Es war berüchtigt. „Meistens stand unter einem Bett ein Bierkasten. Einige Patienten haben geraucht. Die Hausangestellten durfte mit einem Getränkewagen jedem Patienten pro Tag drei Flaschen Bier verkaufen. Es gab Vollbier, Export und Pils“, so Meyer lachend. 

Der Pflegeberuf hat sich zum besseren gewandelt, auch weil die Umgangsformen zwischen Pflege und Medizin entspannter geworden sind. Was die beiden am meisten schätzen an ihrer Profession? Die Abwechslung, die interessanten Menschen, die dankbaren Augen, die lieben Worte der Kranken und Verletzten, die Anerkennung, das Bewusstsein, etwas Gutes zu tun. „Es ist ein herausfordernder und erfüllender Beruf. Er macht Spaß und wird immer interessant bleiben. Ich würde ihn heute wieder wählen. Dieses Krankenhaus war meins“, sagt Uhl. Und nach kurzer Pause ergänzt sie: „Wenn ich die Möglichkeit fürs Medizinstudium gehabt hätte, hätte ich das getan. Aber das durfte ich damals leider nicht.“ 

„Sie machen, was Sie können. Den Rest mache ich.“

Gefragt nach den Voraussetzungen, die Interessierte für den Beruf mitbringen sollten, sagt Meyer: „Man sollte Freude daran haben, mit sehr unterschiedlichen Menschen zusammenzukommen. Ich habe mir immer gesagt: Wenn ich nichts Neues mehr erlebe, wird’s langweilig. Dann höre ich auf.“ – „Aber das kann Dir ja in der Pflege nicht passieren; in dem Beruf lernst Du immer dazu“, entgegnet Uhl. Beide haben das Credo der italienischen Ärztin und Reformpädagogin Maria Montessori (1870-1952) verinnerlicht: Hilf mir, es selbst zu tun. „Wenn die Leute in ihrem Jammertal versunken sind, habe ich mit ihnen eine Vereinbarung getroffen: Sie machen, was Sie können. Den Rest mache ich“, beschreibt Meyer.

Ob man sich schon vor der Ausbildung zwingend zum Pflegen berufen fühlen sollte? Nein, finden beide, das Berufungsgefühl sei bei ihnen auch erst später gekommen, nachdem sie Einiges in dem Beruf erlebt hatten und entsprechend souverän handeln konnten. Zurückblickend sagt Meyer: „Ich habe es geschafft: In 50 Jahren hat wegen mir niemand einen bleibenden Schaden erlitten. Wir hatten so viel in der Hand, was unabsichtlich hätte schieflaufen können.“ Nur einmal habe sie einer Patientin statt eines Beruhigungsmittels versehentlich ein Abführmittel gegeben. 

Mit diesem langen Einsatz, dieser Treue und Verbundenheit sind die beiden rare Exemplare – sowohl bei ANregiomed als auch in der Pflege und in der gesamten Berufswelt: zwei unbeugsam beharrlich Helfende. Heute kümmern sie sich um ihre Eltern, Kinder, Enkel.